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Gravel vs. Cyclocross

Wenn man die Augen ein Stück zusammenkneift, erkennt man keinen Unterschied zwischen einem Gravelbike und einem Cyclocross-Rad.

Wenn man die Augen ein Stück zusammenkneift, erkennt man keinen Unterschied zwischen einem Gravelbike und einem Cyclocross-Rad. Beides sind sportliche Räder mit Drop Bars und Stollenreifen, mit denen du sowohl auf Asphalt als auch auf unbefestigten Wegen gut abgehen kannst. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber, allen Unkenrufen zum Trotz, auch auf.

Um zu verdeutlichen, wieso die Erfindung des Gravelbikes keine Verschwörung der Industrie ist, sondern durchaus Sinn ergibt, reicht ein Vergleich der wichtigsten Rennveranstaltungen für Gravelbikes und Cyclocross-Räder. Beim Gravel wäre das beispielsweise das Dirty Kanza, ein 200 Meilen langes Rennen über die Schotterstraßen rund um Emporia, Kansas. Kurven sind selten und Hügel zwar vorhanden, aber nicht besonders steil. Wenn dein Rad kaputt geht, was angesichts des sehr scharfen Schotters mehr als wahrscheinlich ist, musst du es selber reparieren. Der Streckenrekord liegt bei knapp unter zehn Stunden, die letzten Teilnehmer*innen kommen nach über 22 Stunden ins Ziel.

Fotocredit: Santa Cruz
Fotocredit: Cannondale

Im Gegensatz dazu bieten die Cyclocross-Weltmeisterschaften ein deutlich strafferes Programm. Ein Rennen beginnt praktisch mit einem Massensprint aus dem Start zur ersten Kurve und das längste Rennen dort war 2020 nach einer Stunde und acht Minuten vorbei. Der Rundkurs wurde wie bei allen CX-Rennen mehrfach absolviert und bestand aus engen Kurven, scharfen Anstiegen und Laufpassagen.

Es sollte klar sein, dass so unterschiedliche Veranstaltungen unterschiedliche Fahrräder benötigen. Viele Unterschiede zwischen Crossern und Gravelbikes können wir tatsächlich recht gut voneinander abgrenzen. Trotzdem solltest du dir vor Augen halten, dass es „das“ Gravelbike nicht gibt. Die Gattung ist noch unglaublich jung und fast jede Firma verfolgt ihren eigenen Ansatz in Sachen Geometrie und Ausstattung.

Geometrie

Die Anforderungen an ein Cyclocross-Rad sind einzigartig und von einem Rennrad grundverschieden. Das Rad muss wendig und leicht zu beschleunigen sein, weil auf den meisten Cyclocross-Kursen viele Kurven zu finden sind. Das spricht für kurze Hinterbauten und steile Lenkwinkel. Zu steil darf der Lenkwinkel aber auch nicht werden, da sich das Rad sonst auf langen Geraden über ruppiges Terrain zu nervös anfühlt.

Fotocredit: Martin Ohliger

Dank fast auf jedem Parcours vorhandenen Hindernissen musst du ein CX-Rad einfach schultern können. Die meisten Cyclocross-Rahmen sind so designt, dass im vorderen Rahmendreieck viel Platz ist und das Oberrohr eine anschmiegsame Form hat, die nicht auf deine Schulter drückt. Über die „richtige“ Höhe des Tretlagers für CX sind schon lange Kämpfe ausgefochten worden. Klassische Cyclocross-Räder verwenden oft ein höheres Tretlager mit einem BB Drop um die 65 Millimeter. Dadurch setzt du mit diesen Rädern in engen Kurven oder an Schräghängen nicht so schnell das Pedal auf dem Boden auf. Wenn du Bunnyhops über die Hürden machst, bleibst du mit höherem Tretlager nicht so leicht hängen. Im Gegenzug wird das gesamte Fahrverhalten dadurch etwas kippeliger, da mit dem Tretlager auch dein Schwerpunkt nach oben wandert. Diese oft „europäisch“ genannte Geometrie bekommt in den letzten Jahren durch „amerikanischere“ Geometrien mit niedrigerem Tretlager (BB Drop um die 70 Millimeter) Konkurrenz. Die Kurse in den USA sind oft weniger technisch als die teilweise unglaublich schweren Parcours in Belgien (wo 90 % der wichtigsten CX-Rennen der Welt stattfinden), sodass dort etwas entspanntere Geometrien, die mehr Richtung Rennrad gehen, auch gute Chancen haben.

Fotocredit: Santa Cruz

Bei einem Gravelbike hingegen stehen Komfort und Laufruhe ganz oben auf der Prioritätenliste. Wer sich über 300 Kilometer auf Schotter vornimmt, braucht wirklich jedes kleinste Quäntchen Bequemlichkeit. Demzufolge sitzt du auf vielen Gravelbikes mit eher kurzem Oberrohr und hohem Stack oft noch einmal entspannter als selbst auf einem Komfortrennrad. So enge und hektische Kurven wie auf einem CX-Rundkurs wirst du auf dem Gravelbike selten fahren. Die gesamte Steuerung ist also mit einem tendenziell flachen Lenkwinkel (um 71 Grad) nicht so zappelig ausgelegt – freihändig fahren ist mit den meisten Gravelbikes ein Klacks! Viele Hersteller lassen sich außerdem von Mountainbike-Geometrien inspirieren und kombinieren ein längeres Oberrohr mit kürzeren Vorbauten. Die Idee dahinter ist, dass ein längeres Oberrohr (bzw. um genau zu sein ein längerer Reach) das Fahrrad ruhiger macht und der kürzere Vorbau die Wendigkeit erhält.

Auch die Kettenstreben sind oft länger, um das Fahrrad laufruhiger zu machen und ein bisschen mehr Platz für breite Reifen zu schaffen.

Reifen & Laufräder

Am Cyclocross-Rad ist die Reifenfrage recht einfach: Bei Rennen sind maximal 33 Millimeter breite Reifen erlaubt, also sind eigentlich alle Cyclocross-Räder auch maximal auf diese Reifenbreite ausgelegt. Im Elitebereich werden immer noch fast ausschließlich handgemachte Schlauchreifen gefahren, bei Amateur*innen setzen sich immer mehr Tubeless-Reifen durch.

Fotocredit: Martin Ohliger

Was am Crosser durch rigorose UCI-Regeln sehr einfach ist, wird am Gravelbike deutlich vielfältiger. Hier existieren keine Beschränkungen, du kannst also das fahren, was dem Terrain angemessen ist. Das können profillose, 35 Millimeter breite Slicks auf 28-Zoll-Felgen sein, wenn es nur selten auf Forstautobahnen geht. Auf der anderen Seite des Spektrums finden wir an manchen Gravelbikes inzwischen Reifen, mit denen vor ein paar Jahren noch Mountainbike-Weltcups gewonnen wurden. 2,1“ auf 650b-Laufrädern sind keine Seltenheit mehr.

Anbauteile

Wie viel Gepäck brauchst du wohl bei einem Rennen, das maximal eine Stunde lang ist und in der Regel bei Temperaturen unter zehn Grad Celsius stattfindet? Falls du dir diese Frage ehrlich beantwortet hast, wirst du verstehen, wieso Cyclocross-Räder nicht besonders gute Lastenräder sind. Flaschenhalterösen sind oft das einzige Zugeständnis an Touren abseits des Rennens, ansonsten findest du an diesen Rädern keinerlei Möglichkeiten, Zubehör anzubringen. Eine Ausnahme gibt es: In der Vergangenheit wurden viele günstigere Cyclocross-Räder gerne als etwas sportlichere Räder zum Pendeln verkauft. An diesen Modellen findest du oft Ösen für Schutzbleche und manchmal sogar für einen Gepäckträger. Inzwischen gibt es zum Glück deutlich besser für diesen Einsatzzweck geeignete Räder, bei denen du keinen Gepäckträger an ein Rad schraubst, dessen Rahmen dafür konstruiert wurde, möglichst schnell eine Stunde im Kreis zu fahren.

Selbst wenn du ein Gravelbike in einem Rennen benutzt, ist das oft ein den ganzen Tag dauerndes Unterfangen, bei dem du auf dich selbst gestellt bist. Essen, Wasser, Werkzeug und Ersatzteile in der benötigten Menge transportieren zu können, ist Teil der Challenge. Außerdem werden Gravelbikes gerne zum Bikepacking benutzt, weil sie die idealen Allrounder sind. Deswegen findest du an ihnen oft eine gigantische Anzahl an (teilweise versteckten) Ösen zum Anbringen von Taschen, Schutzblechen oder zusätzlichen Flaschenhaltern. Die Kombination aus breiten Reifen, gemütlicher (aber gleichzeitig sportlich orientierter) Geometrie und den großen Zulademöglichkeiten macht Gravelbikes zu idealen Rädern zum Pendeln.

Grundsätzlich findest du an beiden Arten von Rädern ähnliche Komponenten verbaut, seitdem auch die traditionellsten belgischen Profis eingesehen haben, dass Cantilever-Bremsen nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Anders als am Rennrad gibt es hier auch wirklich keinen Grund mehr, noch auf Felgenbremsen zu beharren.

Fotocredit: Martin Ohliger
Fotocredit: Martin Ohliger

Der Antrieb unterscheidet sich deutlich von normalen Rennrädern. Ganz grob kann man festhalten: Je mehr du dich im Gelände bewegst, desto weniger Kettenblätter hast du vorne und desto leichter wird die Übersetzung. Gravelbikes werden fast ausschließlich mit 1x-Antrieben bestückt, weil sie unkomplizierter sind, Platz für dicke Reifen schaffen und genügend Bandbreite bieten. 40 Zähne vorne werden gerne mit 11-42er Kassetten hinten kombiniert, womit du auch steile Anstiege auf Schotter gut hochkommst. Wenn du Gepäck am Rad hast, gewinnt ein kleineres Kettenblatt vorne an Attraktivität. Solltest du längere Touren mit Gepäck planen oder in einer sehr hügeligen Gegend wohnen, dann lohnt eine Subkompaktkurbel. Mit Kettenblättern bis hin zu 46/30 liegt es definitiv nicht mehr an der Übersetzung, wenn du irgendwo nicht hochkommst.

Auch im Cyclocross sind 1x-Antriebe inzwischen weit verbreitet, weil sich am Umwerfer sehr gerne Schlamm ansammelt. Ein 2x-Antrieb ergibt trotzdem im Cyclocross noch sehr oft Sinn, gerade auf Strecken mit vielen Höhenmetern. Hier hat sich eine 46/36-Übersetzung etabliert. Ein größeres Kettenblatt brauchst du wegen der im Vergleich zur Straße niedrigeren Höchstgeschwindigkeiten nicht.

Was heißt das für dich?

Es klingt vielleicht schockierend, aber du kannst sogar mit einem (modifizierten) Gravelbike Cyclocross fahren, wie Joris Nieuwenhuis in mehreren Weltcups bewiesen hat. Umgekehrt kannst du auch mit einem Crosser viel Spaß beim Graveln haben – vorausgesetzt du wählst deine Lines etwas vorsichtiger, denn die dünneren Reifen sind empfindlicher.

Fotocredit: Cube/Simon Hofmann

Um das für deinen Einsatzzweck perfekte Rad zu finden, stellst du dir am besten sehr ehrlich die Frage, wie oft du mit dem Rad an der Startlinie eines Cyclocross-Rennens stehen wirst. Cyclocrosser sind für einen sehr viel engeren Einsatzzweck als Gravelbikes optimiert. Wenn du erst mit einem Puls von 185 beim Zurasen auf die „Balkjes“ so richtig Spaß hast, dann kommt das vielseitigere Gravelbike für dich eher nicht in Frage.

Solltest du keinerlei Rennambitionen haben, dann ist das Gravelbike wahrscheinlich die richtige Wahl. Aber Gravelbike ist nicht gleich Gravelbike: Das Cervélo Aspero beispielsweise ist im Wesentlichen ein Rennrad mit breiteren Reifen, das dich auch in einer flotten Feierabendrunde auf Asphalt nicht ausbremst. Das Salsa Fargo dagegen ist ein Mountainbike mit Rennlenker, das sich nahe Schrittgeschwindigkeit in kniffligem Terrain wohlfühlt und beim Ortsschildsprint so nützlich wäre wie ein Klotz am Bein. Beide gehen als Gravelbike durch. Und dann haben wir da noch die Wandler zwischen den Welten, wie zum Beispiel das Cannondale SuperX. Als klassischer Crosser geboren und mit diversen Weltcupsiegen dekoriert, hat es mit seiner letzten Inkarnation bereits 2016 einen großen Schritt Richtung Gravel getan.

Fotocredit: Votec
Fotocredit: Trek

Vollkommen unabhängig davon, welches Etikett am Rad deiner Träume hängt, stehen die Chancen gut, dass du glücklich wirst. Grundsätzlich kannst du beide Arten von Rädern für sehr ähnliche Dinge benutzen und die Welt geht nicht unter, wenn du mit einem Crosser zum Gravelride erscheinst. Wenn du aber Wert darauf legst, dein Fahrrad genau auf den Einsatzzweck abzustimmen, dann ist die zusätzliche Option, die Gravelbikes seit ein paar Jahren bieten, hochwillkommen. Schau nur gut auf die Geometrietabelle, du willst ja kein Schaf im Wolfspelz kaufen!